Tiger und Leoparden im Loßberger Tierpark

Hier und dort ist schaut die Vergangenheit durch: Fachwerk in der Templiner Straße Hier und dort ist schaut die Vergangenheit durch: Fachwerk in der Templiner Straße

Pappel– und Kastanienallee sind mit die ältesten Straßen des Prenzlauer Bergs. Wilhelm Griebe­now legte beide Straßen noch vor dem Inkraft­treten des Hobrechtplans 1826 an. Sie haben ihren Namen nach den hier ursprünglich gesetzen essbaren Edelkastanien. Früher gab es überall auf den Hinterhöfen Stallungen, die Tordurchfahrten – zu den Gewerben in den Innen­höfen und auch für die von Pferden gezogenen Feuer­leitern – haben außen diese „Spursteine“ und manchmal innen auch noch breite, metallene Spurfüh­rungen für die hölzernen Räder der Panje­wagen. Wenn Mode in Berlin konzentriert passiert, dann in der Kastanienallee! Die Touristen wissen das längst. Der Berliner Pratergarten ist der älteste Biergarten Berlins und sicherlich bewusst ein Pendant zum Wiener Prater („Prater“ lat. „pratum“ bedeutet übersetzt in etwa Wiese). Er wurde im Jahre 1837 ursprünglich nur als Bieraus­schank gegründet. Durch die Familie Kalbo, welche das Etablissement 1852 erwarb und ausbaute, entwickelte sich der Prater zu einer populären Freizeit– und Vergnügungsgaststätte. Weiter geht es entlang der Kastanien­allee Richtung Innenstadt. Kneipe an Kneipe, Modeboutiquen, auch Second–Hand–Läden für Mode, Plattenläden, noch letzte besetzte Häuser.Ein wenig hinter dem Kirchgebäude kreuzt dann die Schwedter Straße, die an dieser Stelle die Bezirksgrenze zu Mitte darstellt.

 

Sicherlich in Vergessen­heit geraten ist der Tiergarten, den es vor der städtischen Bebauung der Gegend an der Ecke Oderberger Straße/Choriner Straße/Schönhauser Allee von 1865–1875 gab. Der „Loßberger Tierpark“ zeigte in der Art der damals üblichen Kuriositätenkabinette unter anderem Affen, Wölfe, Füchse, Löwen, Tiger und Leoparden. An selbiger Ecke gab es von 1887–1890 ein Garten­lokal mit Bühne und Tanzsaal, ähnlich dem Prater, aber für einfachere Leute. Die Veranstaltungen wurden teilweise mit solch skurrilen Sprüchen angekündigt wie: „Sonntag: Tanz und Keilerei!“

 

Feste gefeiert wurde auch auf dem legendären Hirschhof. Er befindet sich da, wo bis zum Zweiten Weltkrieg das Gelände einer Käserei in der Oderberger Straße zu finden war. Diese wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Straßenblock lag vor 1989 in unmittelbarer Nähe der Berliner Mauer. Die DDR–Behörden planten den Abriss des Straßenblocks, um hier Plattenbauten zu errichten. Die Anwohner wehrten sich jedoch erfolgreich gegen diese Pläne; der Hirschof war so etwas wie ein Domizil der Abrissgegner.

 

Wie diese Neubebauung ausgesehen hätte, kann man heute deutlich an der Altstadt von Bernau (End­bahnhof der S 2) sehen. Dort wurden ja auch große Teile der historisch schon verfallenen Innenstadt abgerissen und, wenngleich auch nicht so protzig und teilweise sogar ein wenig angepasst, Plattenbauten hingesetzt. Ich bekam einen halben Schock, als ich diese Bausünden vor einigen Jahren sah. Die deutsche Wiedervereinigung verhinderte dort noch Schlim­meres.Weil sich viele der verbliebenen Anwohner entlang der Oderberger Straße/Kastanienallee gegen den Abriss ihres Kiezes wehrten, wurden auf Initiative der Wohnbezirksausschüsse einige Hofabschnitte zusammengelegt. Es entstand 1982 ein kleiner Park, der von den Anwohnern angelegt und von staatlicher Seite mitfinanziert wurde. Im Sommer 1985 fand dann die Eröffnung des Hirschhofes statt. Er erlangte bei den Anwohnern bald als Grünfläche inmitten des dicht bebauten Gebiets große Beliebt­heit, befanden sich in dieser Gegend doch kaum Grünflächen, den Mauerpark gab es schließlich damals noch nicht, weil dort noch „die Mauer stand“. Eine Hirschskulptur aus Metallschrott ist namensgebend für den Hirschhof. Derzeit ist der Zugang dorthin für Außenstehende etwas erschwert, da an dieser Stelle in der Oderberger Straße derzeit gebaut wird.

 

Überhaupt: mit diesen Baumaßnahmen kommen wir in der „Jetzt–Zeit“ an. Schon vor Monaten (mir kommt es bereits wie ein Jahr vor) wird die Oder­berger Straße zwischen Schwedter Straße und Kastanienallee „umgestaltet“. Die Anwohner wehrten sich mehr oder weniger erfolgreich und haben wohl wieder einmal in der Geschichte des Kiezes Schlim­meres verhindert. Die Fahrbahn wird erneuert, das Gehwegpflaster auch; es wird alles schicker, feiner, leider auch gleichförmiger.Die alte Feuerwache wurde schon im Jahre 1883 in der Oderberger Straße 24 eingerichtet und gilt als das älteste noch immer in Betrieb befindliche Feuer­wehr­dienstgenäude Deutschlands überhaupt.Mit der „Umgestaltung“ der Kastanienallee wurde offiziell am 11. April begonnen – unter dem berechtigten Protest von Anwohnern!Fahrradstreifen werden eingerichtet, Parktaschen für Autos, und die Bürgersteige sollen schmaler gemacht werden. Eine von Anwohnerinitiativen geforderte 30er–Zone in der Kastanienallee wurde vom Senat bislang abgelehnt. Die von einigen Grundschulen im Prenzlauer Berg gesammelten Ideen von Kindern, Gefah­ren­momente besonders für die kleinen Anwoh­ner in der Straße aufzudecken und bei der Sanierung der Kastanienallee einzubeziehen, wurden bislang in den Planungen zur „Umgestaltung” nur unzureichend berücksichtigt.
Auch im Mai möchte ich Sie wieder zu einem Kiezspaziergang in diesem Kiez mitnehmen! Die Führung ist kostenlos, für eine Spende in den Hut bin ich aber ich dankbar. Termin ist Samstag der 21. Mai um 14 Uhr vor der bekannten Würstchenbude unter dem U–Bahn–Viadukt Schönhauser Allee/Kasta­nien­allee!

 

✒ Rolf Gänsrich www.rolfgaensrich.de.tl

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Die Prenzlberger Ansichten finden Sie am Anfang jeden Monats in ganz Prenzlauer Berg, u.a. in folgenden Zeitungsläden:

 

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