Vom Bernauischen Tor zum Königstor

Zeitschrift Prenzlauer Berg Magazin Bötzowkiez
Am Friedrichshain

Kommt man aus Richtung Westen, vom Alexan­derplatz, zum Bötzowviertel, fällt einem rechter Hand eine Kirche ins Auge. Weil hinter der Kirche die Georgenkirchstraße und ihr gegenüber an der Ecke Greifswalder Straße / Prenzlauer Berg der Georgen-, Parochialfriedhof ist, sollte man meinen, dass auch das Kirchgebäude so heißt. Aber nein, es handelt sich dabei um die Bartholomäuskirche. Die Georgenkirche stand einst in etwa dort, wo heute die östliche Einfahrt zum Autotunnel am Alexanderplatz ist.
Die Greifswalder Straße war die mittlere von drei vom Georgentor, an der Georgenkirche am Alexanderplatz ausgehenden Straßen. Nach Links ging es nach Prenzlau, nach rechts nach Landsberg. Nach Anlage der Königstadt im Bereich des Georgentores im 18. und 19. Jahrhundert hieß sie innerhalb der Akzise-Mauer „Bernauische Straße“, außerhalb davon „Straße nach Bernau“ „.. nach Werneuchen“ oder „... nach Weißensee“. Der Name „Greifswalder Straße“ ist erst seit 1868 gebräuchlich. Das „Bernauische Tor“ in der Akzise-Mauer wurde 1809 in „Königstor“ umbenannt.
Auf dieser Straße marschierte im Jahre 1701 der erste preußische König, Friedrich I., aus Königsberg kommend, wo er sich gekrönt hatte, nach Berlin ein. Die Greifswalder Straße ist heute Teil der B 2 und reichte als ehemalige Reichsstraße 2 bis Königsberg. In die andere Richtung geht es über „Unter den Linden“, Potsdam, Leipzig und München hinaus bis Gartz. 1800/03 wurde sie befestigt und zur Chaussee ausgebaut. Beidseitig bepflanzt wies sie schon der „Oesfeldsche Plan“ von 1778 aus.  Carl Ludwig von Oesfeld (* 4. März 1741; † 4. November 1804) war Königlich Preußischer Geheimer Rat und Kartograph.
Von der allerersten ab 1814 einsetzenden Bebauung hat sich bis heute die Hausnummer 200 erhalten. Sie fällt schon durch die geringe Höhe mit nur zwei Etagen auf.

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Geststätte Willy Bresch, Danziger Ecke Greifswalder

Direkt neben dem „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ in der Greifswalder Str. 4, wurde in Nr. 5 im Jahr 1910 eine Wäschefabrik eröffnet. Später  war dort der „VEB Modische Herrenanzüge“ unterbracht. An die ehemalige Textilindustrie erinnert heute nur noch der Laden mit Berufsbekleidung.
Dass die Greifswalder Straße in den 70er- und 80er-Jah­ren mal die Protokollstrecke der Partei- und Staats­führung war, hab ich in meinen Artikeln schon mehrfach erwähnt. Die Häuser 9/12 wurden 1879 von Maurermeister W. Koch erbaut, die Wohnhäuser in Nr. 15/19 bereits 1863.
Der katholische „St. Katharinenstift“ ist durch einen Zugang in der Greifswalder Straße 18 zu erreichen. Die mit Klinkern abgesetzten Putzbauten des Stifts entstanden 1892/1902 nach Plänen von August Menken, die Kirche wurde 1896 errichtet. Wer den Hof des Stifts betritt, staunt erst einmal über die Größe des Are­als. Ein Parkplatz für Anlieger, ein Spielplatz, eine kleine parkähnliche Anlage, umgeben von Klein­gewerbe, einschließlich eines Cafés, sind in diesem großen Innenhof. Ein mir bislang vollkommen unbekannter Stadtteil.
Die Schule in der Greifswalder Str. 25 wurde 1913/14 nach Plänen von Ludwig Hoffmann als „Königs­städtisches Oberlyzeum“ gebaut. Heute ist darin die „Kurt-Schwitters-Oberschule“ mit Schwerpunkt deutsch-portugiesisch.
Meine Lehrzeit erinnert mich auch an die Dauerläufe im Sportunterricht, die uns über die Käthe-Nieder­kirchner-Straße und „Am Friedrichshain“ bis in den Park selbst führten und die dann immer etwas erhoben am „Ehrenmal für den gemeinsamen Kampf der polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten“ endete. Auf der Stele findet man ein noch nicht abgerissenes oder zerstörtes DDR-Emblem (falls wer mal ein Foto braucht), auf der anderen Seite das des polnischen Staates. Der Schriftzug ist in deutscher und polnischer Sprache, das bronzene Teil soll ein Fah­nentuch darstellen. Ältere Publi­kationen geben für dieses Denkmal als Adresse „Am Friedrichshain / Vir­chow­straße“ an.
Eine kleine Merkwürdigkeit gibt’s in der Käthe-Niederkirchner-Straße. Die Nummer 10 ist ein noch nicht saniertes Haus. Es fällt auf, dass rechts oben in der dritten und vierten Etage auf einem Drittel der Hausbreite die Wohnungen fehlen. Es sieht aus, als wäre an dieser Stelle im II. Weltkrieg eine Bombe ins Haus gekracht, jedoch nicht explodiert und man habe dann einfach nur die zerstörten Wohnungen abgerissen und dann diese Wunde am Haus nur schnell und provisorisch wieder vermauert.

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Bötzwoeiche im Sommer

Die Bebauung der alten Miethauskasernen ist sehr eng. Nach der Baupolizeiordnung von 1853 brauchten Innenhöfe nur 5,5 m im Quadrat groß zu sein, ausreichend, dass sich eine von Pferden gezogene Feuer­leiter darin drehen ließ. Die Häuser waren auf fünf Geschosse begrenzt, im Allgemeinen zwanzig Meter breit, durchschnittlich sechzig Meter tief und konnten drei- bis vierhundert Menschen beherbergen, plus Gewerbe und Ställe für Pferde, Rinder und Schweine.
Die Straßenbahnendhaltestelle in der Knip­ro­destraße, mit einem Abzweiggleis zum BVG-Gleislager in der Conrad-Blenkle-Straße, war einst Endpunkt der Linie 74, die aus Lichterfelde und Am Friedrichshain kommend, dort endete. Mit der Trennung des Berliner Straßenbahnnetzes 1953 fuhr sie in zwei Teilen, aus Osten kommend bis Hausvogteiplatz, und dann wieder weiter ab dort, wo heute in etwa die Philharmonie, steht bis Lichterfelde.
Ab 1979 endete in dieser Schlaufe die Linie 14. Sie fuhr von dort Richtung Landsberger Allee und verstärkte die Linie 63 nach Hohenschönhausen-Gar­tenstadt. Während des Neubaus der Kniprodebrücke über die Ringbahn verkehrte die Buslinie 56 (heute 156) von dieser Schlaufe aus und am Bf. Landsberger Allee (Leninallee) vorbei.
Noch bis 1972 fuhr der 30er u.a. entlang von Greifswalder Straße, John-Schehr- und Conrad-Blenkle-Straße als Oberleitungsbus, danach setzte man auf der Linie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ein. Das letzte „O-Bus-Netz“ in Ostdeutschland gibt’s heute in Eberswalde.   
✒ Rolf Gänsrich (März 2013)