OUTDOOR IN DIESER SAISON

Überlebensgefühl für urban people

Zeitung Prenzlauer Berg Magazin
Outdoor-Dasein, im urban style: Berliner Wohnschiffe verbinden auf ihre Weise Großstadtgefühl und Draußen-Sein. Foto: al

Es leben die Extreme. Immer mehr Menschen suchen fürs Freizeit-Vergnügen den höchsten Berg, die anspruchsvollste Mountainbike-Strecke, die gewaltigste Surf-Welle. Wir wollen höher, weiter, schneller. Und wir wollen den Kick vor der Haustür. Die Outdoor-Trends der Saison.

Outdoor durchzieht als irgendwie urwüchsiges Lebensgefühl längst unseren Alltag. Wir fahren mit dem Mountainbike ins Büro, streifen bei Regen die Hightech-Outdoor-Jacken über und steigen damit in die Tram oder schieben den Kinderwagen zum Spielplatz. Outdoor-Ausstatter, noch vor wenigen Jahren Anlaufstellen allein für Urwald-Freaks, heißen inzwischen „Alltags- und Urlaubsausstatter“, mit extra Shops für Outdoor-Kids.
Der neueste Alltags-Outdoor-Trend: Renommierte Hersteller haben für diese Saison den „urban style“ erfunden, mit dem wir auch fürs Business nicht aufs Abenteuer verzichten müssen. Laptop- und Tablet-Taschen fürs Fahrrad gibt’s im rustikal-schicken Outdoor-Design und aus Outdoor-Material, mit einem Handgriff sind sie am Gepäckträger angebracht, mit einem weiteren Handgriff wieder abgezogen und über die Schulter gestreift. Frauen tragen atmungsaktive und wasserabweisende Röcke und Kleider, die am Schreibtisch eine ebenso gute Figur machen wie im Wildwasser-Kanu.
Es scheint, als wollten wir unser zivilisiertes, durchgetaktetes und fremdbestimmtes Leben durch Outdoor-Style mit einem Hauch von Wildnis und Freiheit veredeln. Outdoor ist das neue Überlebensgefühl der urban people. In täglicher Dosis.
Und dann gibt es noch das außergewöhnliche Outdoor, das reale Draußen, mit dem wir dem Alltag und all seinen Zwängen entfliehen. So extrem wie möglich, ganz weit weg oder ganz hoch hinaus. Noch nie suchten so viele Menschen den Mount Everest zu erklimmen. Tausende Meter hinauf, immer am Rand des Abgrunds. Oder gleich wieder runter: Outdoorler lassen sich an Bungee-Seilen aus schwindelerregender Höhe einfach fallen oder surfen, vom Gleitschirm gezogen, übers Tempelhofer Feld oder entlang der Ostsee-Wellen.
Die Auszeit vom gewöhnlichen Leben entspricht dem Leistungsanspruch im Beruf: Über die Grenzen sollte es gehen, eine Herausforderung sein. „Wenn ich etwas über mich und die Welt erfahren will, muss ich es erleben“, sagt der Extremsportler  Stefan Glowacz, der am liebsten Berge fernab jeglicher menschlicher Spuren besteigt. „Am Berg bin ich allein in meiner Verantwortung. Es gibt nur mich und die Wildnis. Ich treffe die Entscheidungen. Mache ich einen Fehler, muss ich die Konsequenzen tragen. Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin und einer fährt mir rein, dann bin ich machtlos.“ Es ist dieses Auf-Sich-Selbst-Geworfen-Sein im Nirgendwo, das den zivilisationsmüden Großstädter wieder zu sich selbst bringt, so scheint es.
Der Sprung ins Abenteuer ist dabei nur noch einen Maus-Klick entfernt, direkt vor der Haustür buchbar, jederzeit abrufbar und bis ins Detail geplant und organisiert. Die Prenzlauer Berger Outdoor-Läden bieten nicht mehr nur das nötige Equipement, sie vermitteln auch gleich noch den Outdoor-Kurs oder die Abenteuer-Reiseleitung.
Zum Beispiel Fahrrad-Touren durch Asien, China by bike. Drei Wochen lang, jeden Tag rund 100 Kilometer im Sattel. Entlang der Seidenstraße, durch Touristenziele und fernab der Touristenziele, allein mit sich und dem Fahrrad, einer kleinen Gruppe von Mit-Fahrern und der Herausforderung von Bewegung und Draußen-Sein. Oder nach Tibet: Mit dem Bike aufs Dach der Welt und darüber hinweg, mit atemberaubenden Höhenunterschieden und Zelt-Übernachtungen am Berg. Eine doppelte Herausforderung: Das Kennenlernen fremder Kulturen und fremden Lebens verbindet sich mit dem Kennenlernen und Ausloten körperlicher Grenzen. Viele der Reiseleiter sind wahre Fahrrad-Künstler: Wie etwa der Pankower TomTom, dessen Spezialitäten Fahrradtouren zu den jeweiligen olympischen Austragungsorten sind. Im Jahr 2020 soll es von Berlin nach Japan gehen, durch Sibirien und über Wladiwostok. Begleitung gern gesucht. TomToms großer Traum: Eine Fahrradtour um die halbe Welt – von Berlin über Moskau und die Mongolei nach Peking, dann weiter über Vietnam nach Malaysia. 23.000 Kilometer im Sattel, ein Jahr lang unterwegs.
Urban und Outdoor – auch das lässt sich via gebuchter Reise verbinden: z.B. mit Outdoor-Ferien in der Nähe von Kapstadt, Südafrika. Vor dem Ferienhaus wartet der Swimmingpool, jeden Tag zum Frühstück berät die Reiseleitung, welches Abenteuer der neue Tag bringen kann: Safari oder Bergsteigen, Wildnis-Wandern oder Paragliting. Ein Outdoor-Dasein für Ausprobierer, Überlebenstraining in selbstgewählten Dosen und am anderen Ende der Welt.
Zwei Wochen ganz weit draußen, bevor die Rückkehr zum urban style in Prenzlauer Berg beginnt.
-al- (April 2015)

Gesehen, gehört und gelesen in Sachen Outdoor-Saison in Prenzlauer Berg:
Fahrrad-Touren. Gute Fahrradmechaniker bieten nicht nur Bikes, Ausstattung und Reparatur-Service, sie vermitteln auch geführte Fahrradtouren – durch Berlin für Entdeckungswillige, nach Brandenburg und an die Ostsee für Naturhungrige und durch die ganze Welt für Abenteuerlustige, z.B. nach Asien oder Lateinamerika.
Outdoor-Ferien. In manchen Outdoor-Läden lassen sich auch gleich die Ferien samt Unterkunft und Reiseleitung buchen, etwa zum Wandern und Bergsteigen nach Kapstadt/Südafrika oder Surfen an die Westküse Portugals.
Outdoor-Kurse. Kite-Fahren, Surfen, Klettern – Camps und Schulen in Prenzlauer Berg lehren die unterschiedlichsten Extrem- und Freizeitsportarten – als „Trockenübung“ in Berlin oder dem Umland, als Ferienkurse in der freien Natur.