DIGITALES LEBEN

Alltag der Algorithmen

Smartphone, Tablet, Smarthome – Algorithmen machen unseren Alltag anders, leichter, schwerer. Die Digitalisierung braucht neue Dienstleistungen, bringt neue Berufsbilder und Technologien hervor. Ständige Updates. Sie eröffnet Chancen, birgt Risiken. Alles in Echtzeit, alles im Netz? Über das digitale Leben jetzt.

Wir leben digital. So digital, dass wir es schon gar nicht mehr merken. Der Berliner Comedian Horst Evers hat unser vernetztes Leben vor kurzem in eine schöne kleine Geschichte verpackt: Gemeinsam mit einem Freund ruft er, auf dem Balkon eines Hauses in Prenzlauer Berg stehend, mit dem Megaphon gegen die Hauswand ins Innere: „Alexa, spiel mal „We are the champions“ von Queen“ – und das Haus beginnt zu vibrieren. In allen Wohnungen schalten die digitalen Alexas zeitgleich die Musik an und spielen „We are the champions“. 

Lustige Vision: Ganz neue Möglichkeiten von Nachbarschaft ergeben sich durch die smarten Haushalte – ein synchron musizierendes Haus ist sicher nur eine davon. Der Autor Marc Uwe Kling treibt in seinen Büchern das digitale Leben noch weiter – hinein in eine von Algorithmen strukturierte Gesellschaft, in der auch soziale Kompetenzen digital bewertet werden. Von diesem Ranking hängen Karriere- und Partnerschafts-Chancen und der individuelle Konsum ab. Ein digitales Über-Wesen entscheidet – statt der Menschen. In einem Kinderbuch wiederum zeichnet Kling andererseits das Bild einer Welt, in der das Internet flächendeckend ausfällt. Und alle plötzlich Zeit füreinander haben – analog und in echt.

Digitales Vogelgezwitscher

Kehren wir zurück in die Realität, in der städtische Vögel bereits Handy-Klingeltöne nachsingen und -pfeifen, weil sie zu den alltäglichen Straßengeräuschen gehören. In der Begriffe aus der Digitalbranche in unsere Alltagssprache Einzug gehalten haben. Wir updaten uns oder sortieren unsere Festplatte im Kopf, wir verAppeln einander oder vernetzen uns. Immer und überall. Laut einer aktuellen Studie erwartet die Mehrheit der Menschen von ihren PartnerInnen, dass sie tagsüber mindestens dreimal auf eine Whats App oder sms antworten – binnen einer Stunde. Bleiben Rückmeldungen aus, werden die AbsenderInnen nervös.

In der digitalen Gegenwart werden Smartphones immer weniger zum Telefonieren denn zum Surfen, Chatten, Arbeiten genutzt. Cafes und Restaurants werden auch nach ihrem WLAN-Zugang ausgewählt, weil sich dann auch beim Brunch oder Kaffee digital und mobil arbeiten lässt. Und immer mehr Boutiquen verkaufen ihre Waren auch online. Reden wir nicht über die sozialen Medien und welche Form der Kommunikation, der InfluencerInnen und der Shitstorms sie hervorgebracht haben.

Digital Berlin Prenzlauer Berg
Digitales, in nahezu allen Lebensbereichen. Tablet und Co. verändern unseren Alltag. Foto: pixabay

Digitale Dienstleistungen

Das Internet geht nicht mehr weg, die smarte Vernetzung wächst. Mit ihr wächst das Feld der Dienstleistungen, die wir für eine stets verfügbare, funktionsfähige digitale Welt brauchen: Digitalagenturen, Digital- und 3-D-Druck, Handy-Läden, Computer-Reparatur-Service. ProgrammierInnen, Software-EntwicklerInnen, Multimedia-SpezialistInnen und CyperKriminalistInnen sind gefragte Fachkräfte – und der Arbeitsmarkt gibt längst nicht so viele dieser ExpertInnen her, wie der Alltag braucht. Die Digitalisierung war schneller als das Leben. Also lassen wir uns ausbilden und weiterbilden. Kinder, Jugendliche und Erwachsene erlernen zeitgleich digitale Kompetenzen. Und meist haben die jüngeren die umfassenderen Kompetenzen. Studien untersuchen derzeit beispielweise, wie das Schreiben mit beiden Händen auf einer Tastatur – statt das Schreiben mit einer Hand und einem Stift – Gehirnfunktionen und Denken verändert.

Digitale Boheme war gestern. Wir alle sind im Netz und online, geben unsere Daten als Ware preis. Die Stimmen, die die Chancen der Digitalisierung feiern oder die vor ihren Risiken warnen, werden im Minutentakt hörbar. Und halten sich zumeist die Waage. 

Digitale Zukunft

Die Chancen und die Risiken der Digitalisierung. Einer aus der ersten digitalen Boheme-Generation, der Internet-Pionier Chris Boos, macht gern seine Vision einer Gesellschaft öffentlich, in der künstliche Intelligenz die Jobs macht, für die die Menschen eigentlich zu schade sind. Diese wiederum, die Menschen, hätten dann Zeit und Muße für Jobs, die nur Menschen machen können – alles Soziale, Kulturelle, alles, was im weitesten Sinne mit Emotion und Empathie zu tun hat. Die künstliche Intelligenz befreit die menschliche Intelligenz zur Zwischenmenschlichkeit. 

Was bleibt, was verschwindet? An der Schaubude, die neben Figurentheater auch Laboratorien zu Theater und digitalen Medien veranstaltet, war auch ein Stück zu sehen, in dem die FigurenspielerInnen ihre Figuren in die Müllsäcke werfen. Vorher nehmen sie alle Figuren mit Digitalkamera und Video auf. Damit sie künftig am Computer animiert werden können, was leichter und schneller geht. Die zwei FigurenspielerInnen zelebrierten an jenem Abend nicht mehr und nicht weniger als den Abschied von ihrer eigenen Puppenspielkunst. Zwei Figuren indes widersetzten sich dem analogen Ausrangiert Werden: Der Kasper und der Teufel. Was für eine Aussicht.

-red-,  Nov. 2019