SCHÖNES ZUM SCHENKEN ODER SELBST HABEN

Salons der Kostbarkeiten

Das ist eine der Originalitäten des Prenzlauer Berg, immer noch: Dass sich Kunst mit Alltag, Kunsthandwerk mit Leben durchmischt. Cafes, Büchereien und Tausch-Läden zeigen sich als Salons der Kostbarkeiten. Vorweihnachtliche Kunst-Entdeckungen an unerwarteten Orten.

Zeitung Prenzlauer Berg Magazin
Ein Wesen aus einer anderen Welt, entdeckt in einem Cafe in Prenzlauer Berg. Foto: al

Du gehst in ein Cafe und – bums –  findest Dich in einer kleinen Performance-Ecke mit allerlei wundersamen Figuren wieder. Du betrittst einen Bücherladen und – ah –  entdeckst eine Fotogalerie, mit Bildern zum Verkauf. Im Trödel- und Tausch-Metier ziehst Du unter Büchern, Wollsocken und Handtaschen – ach wie wunderbar – filigranen Schmuck hervor.
Cafes und Buchläden mit Kunst, Trödel-Läden mit Kunsthandwerk sind, oft, Orte der Inspiration und des Genusses. Es sind indes auch Möglichkeiten, originäre, schöne Geschenke zu erstehen – an Orten abseits der offiziellen Märkte. Und jetzt, zum Jahresende, sind die Sinne für solche Entdeckungen besonders sensibel.
Da wäre das Cafe, mitten in Prenzlauer Berg. Eines dieser Tagescafes mit Espresso, frisch gepressten Säften und kleinem Backwerk. Mit Tageszeitungen und Magazinen, mit den üblichen Flyern für Baby-Yoga, Englisch-Kurse und Meditation in der Nachbarschaft. Auf dem Tresen steht ein Korb, darin kleine, quadratische Booklets mit Figuren, die an die Variete- und Chanson-Szene der 20er Jahre erinnern. Sie haben feine, schmale Köpfe mit verträumten, irgendwie weltfremden Gesichtsausdrücken, sind kostümiert im Matrosenlook oder Spitzenrüschenkleid. Beim weiteren Durchblättern erscheint ein textiles Bild, darauf in feinen Fäden drei Königinnen gestickt. Die Frage, was diese Booklets mit dem Titel „Le Petit Salon“ denn hier zu suchen haben, beantwortet die Cafe-Inhaberin mit einem Wink in Richtung hinterer Raum und dem Satz: „Das sind befreundete Künstler aus Sofia, ich stelle sie hier aus“.
In einer Nische des Nachbarraums ist „Le Petit Salon“ aufgebaut. Wie auf einem Altar stehen und sitzen die Figuren mit den feinen Köpfen und den sonambulen Gesichtern, daneben eine Schale mit handgezeichneten Postkarten. „Wir sind eine Gruppe von Fantasiewesen und verschaffen Euch die Chance zur Flucht“, verrät ein fein geschriebenes Schild das Ansinnen der Truppe aus Matrosen- und Chanson-, Harlekin- und Gouvernanten-Figuren. Ein weiteres Schild informiert: „Objekte für Zuhause, Leben und Freude“. Da, Zuhause und im Leben, sollen die Fantasiewesen also sitzen oder stehen, Mit-Träumen lassen und Freude machen. Die Preisschilder neben ihnen lassen dies gut möglich erscheinen. Wer andere Fantasie will, kann die Künstler auch auf ihrer Insel in Sofia besuchen. Im Sommer, am besten.

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Zarte Blüten, in Glas konserviert. Entdeckt in einem Tausch-Laden. Foto: al

Im Berliner Spätherbst indes wird der Schritt gelenkt an einen zweiten, unvermuteten Kunst-Ort. Es ist ein Buchladen, sein Sortiment eine Auswahl aus Bildbänden und Stadtgeschichten, Architekturbildern und englischsprachigen Reiseführern. An den Wänden zwischen und über den Buchregalen hängen Schwarzweiß-Fotografien von Berlin, mit Preisschildern versehen. Es sind eigenwillige Blickwinkel, aus denen der junge Berliner Fotograf seine Heimatstadt zeigt. Er nimmt sie auf als menschenleere Orte und zeigt die Schönheit des Umfelds: Die Geradlinigkeit der Architektur, die Details brachliegender Flächen; die Absurditäten von verlorenen oder vergessenen Dingen auf Straßen und in Fundbüros. Der Fotograf ist ein Freund des Ladenbesitzers, eine ähnliche Konstellation wie im Kunst-Cafe. Die Fotografien an den Wänden flankieren die Neuerscheinung seines ersten Bildbandes, zur Vernissage gibt er persönliche Einblicke in seine fotografische Arbeitsweise und seine Stadt-Ansichten.
Die Mischung aus Bild und Buch, so sagt der Ladeninhaber, hat sich inzwischen etabliert und bestens bewährt. Er zeigt auch Malerei und Grafik, demnächst vielleicht Skulpturen, die sich in ihrer dreidimensionalen Sinnlichkeit gut mit den flachen Büchern ergänzen. Die Kunst des Wortes und des Bildes trifft hier, in diesem Salon der Kostbarkeiten, die Kunst der Gestalt.
Ort Nummer Drei. Ein Flohmarkt-Laden. In solchen Läden mietet man sich Fächer oder Regale an und verkauft dort Selbstgemachtes und Trödel oder bietet es zum Tausch. In diesen Läden stöbert man, weil man etwas Schönes finden will, was andere nicht mehr brauchen. Fundstücke zum Selbst Behalten oder zum Verschenken.
In solchen Läden verschwimmt die Grenze zwischen Kitsch und Kunst. Doch wer definiert überhaupt, was Kitsch ist, was Kunst? Im Laden hängt ein Schild mit einer alten Weisheit, die diese nur vermeintlichen Widersprüche versöhnt: „Der Kitsch von heute sind die Antiquitäten von morgen.“
Eines der Trödel-Fächer fällt sofort auf. Es ist mit orangenem Samt ausgekleidet und liegt im Licht aus kleinen Lämpchen, das an Kerzenlicht erinnert. Auf Holzsockeln stehen und liegen runde und quadratische Teile aus Glas, darin sind feine Blüten und filigrane Blätter eingeschlossen. Die Kunstwerke der Natur hat hier jemand zum Hinstellen und Anschauen konserviert. Daneben liegen kleine Medaillons aus Porzellan, auch sie mit Blüten und Blättern verziert. „Für alle, die Blüten lieben und in der Großstadt leben, habe ich diesen Schmuck erfunden“, steht neben der Präsentation. „Ich habe sie für Sie bewahrt und freue mich, wenn Sie ich Ihnen eine kleine Freude damit mache.“
-al- (Dezember 2015)