KUNSTHANDWERK IN PRENZLAUER BERG

Schön, selten, selbstgemacht

Hand anlegen. Durch Hände formen, gestalten, zusammenfügen. Das Erfolgserlebnis des Sichtbar Geschaffenen gehört zum Alltagsgeschäft von Handwerkern und Kunsthandwerkerinnen in Prenzlauer Berg. Ein möglicherweise unnötiges Plädoyer für das Handwerk, für das Schöne, Seltene, Selbstgemachte.

 

Am Anfang ist der Ton. Braune oder graue, zähe, schwere Masse. Urmaterial mit unzähligen Mineralien. Durch Kneten und Schlagen, durch Drehen, Formen, Schmeicheln wird daraus in unzähligen Arbeitsstunden und -tagen eine Figur, eine Tasse, eine Vase oder ein Teller.

Zeitung Prenzlauer Berg Magazin
Uralte Kunst: Viele Arbeitstage braucht es, bis aus Ton Geschirr entsteht.

Töpferei und Keramikherstellung, die hohe Kunst, aus dem Urmaterial Kunst und Gebrauchsgegenstände zu fertigen, gehört zu den ältesten Kunsthandwerken der Menschheit. Auch in Zeiten globaler Anbieter wie Ikea, Butlers und Co. verlieren die handgemachten Dinge, erstanden in der Töpferei im Kiez oder auf einem Töpfermarkt, kaum ihren Wert.

Die Kunst des Töpferns ist über 20.000 Jahre alt. Schon in der Jungsteinzeit formten Menschen kleine Figuren aus Ton. Erste Gefäße zum täglichen Gebrauch, wie Schüsseln oder Krüge, stammen aus der Zeit von vor 18.000 Jahren aus China. Die Töpferscheibe gibt es seit dem 6. Jahrtausend vor der Zeitrechnung. 

 

Markenzeichen: Die Werkstatt

Sie gehört, neben dem Brennofen und den Lagerräumen, in denen der Ton nach der Bearbeitung tagelang trocknet, zur Grundausstattung jeder Töpferei. Überhaupt: Die Werkstatt. Keine Handwerksbranche kommt ohne sie aus. Auch in Prenzlauer Berg gibt es noch, wenngleich immer weniger werdend, Werkstätten und Ateliers in den Ladenlokalen der Erdgeschosse oder in den Hinterhöfen. Es gibt Raumausstatter, die für neue Polstermöbel, Gardinen, Teppiche sorgen. Tischler und Glaser schneiden und schleifen die feinen Materialien Holz und Glas. Schuhmacher, Schneiderinnen, Schmuckdesigner – die Grenzen zwischen Handwerk und Kunst sind fließend. 

Auch in der Töpferkunst. Heute heißt der Beruf offiziell Keramiker oder Keramikerin und lässt sich in einer dreijährigen Ausbildung erlernen bzw. studieren. Es ist ein Beruf mit einer besonderen Aura – er braucht Kraft und Feinsinn, ist individuelle und kommunikative Arbeit gleichermaßen. 

Das Berufsbild hat sich im Laufe der Historie gewandelt. Im Mittelalter galten Töpfer wie Gaukler oder auch Henker als unehrliche Leute, deren Berufsstand durch keine Zunft und keine Verbände geschützt war. Das Märchen vom König Drosselbart, in dem die stolze Königstochter zur Strafe für ihre Arroganz ausgerechnet an einen Spielmann und Töpfer verheiratet wird, legt davon noch Zeugnis ab. Ihr schönes, selbst geformtes Geschirr, das sie auf dem Markt anbietet, zerbricht König Drosselbart in Tausende Scherben.

 

Hand anlegen: Sinn schaffen

Uns zeitgenössischen Büromenschen empfehlen Psychologen gern, zum Ausgleich der Arbeit am Schreibtisch etwas Spür- und Brauchbares mit unseren Händen zu tun. Das lässt den Körper wieder stärker und neu erfahren und schafft Zufriedenheit mit dem sichtbar Geschaffenen. In Kreativ- und Heimwerkerkursen suchen digital Ermüdete nach Befreiung und Entspannung durch Handarbeit. Auch Töpfern kann in diesen Kursen erlernt werden, auch Schneidern oder Tischlern. Aber es ist doch nicht dasselbe wie der Beruf, die Meisterschaft. 

„Das Öffnen der Tür eines Keramikofens nach dem Brennprozess bringt Überraschung, Ernüchterung, Freude oder Enttäuschung. Auch über einen langen Zeitraum nutzen sich Gefühle und Einsichten nicht ab. Fachkenntnisse und Experiment miteinander gepaart lassen den Umgang mit verschiedensten keramischen Materialien und keramischen Techniken zu einem lebendigen, lustvollem Spiel und der Suche nach geeignetem Ausdruck künstlerischen Anliegens werden.“, so schwärmen die Keramik-Dozenten der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein vom  Töpfer-Schaffen. Rund elf Stunden brennt das fertig geformte und glasierte Werk im Ofen, bei etwa 1.300 Grad. Damit der Ton keine Luftblasen enthält, die das Werk zum Bersten oder Zerbrechen bringen könnten, wird er noch vor dem Formen geschlagen. Anschließend erfolgt die Gestaltung auf der drehenden Töpferscheibe, mit viel Wasser, mit den Händen und kleinen, glättenden Hilfsmitteln. Die fertige Form wird glasiert und getrocknet, bevor sie im Ofen gebrannt wird.

Aus der Werkstatt auf die Märkte

Prenzlauer Berger Töpfer und Keramikerinnen haben im Winsviertel und am Helmholzplatz, in der Naugarder Straße und nahe der Bornholmer ihre Werkstätten mit Brennhöfen und Ladengalerie. Oft, in den Sommer- und Herbstmonaten und in der Vorweihnachtszeit, zieht es sie auf die Kunsthandwerker- und Töpfermärkte in Berlin, dem Umland, gar bis in andere Länder Europas. Dort bieten sie, wie die Königstochter aus „König Drosselbart“, ihre Waren feil. Eine beliebte Adresse ist  der Töpfermarkt in Rheinsberg, alljährlich im Oktober. Im romantischen Städtchen, das Tucholsky mit seinem „Bilderbuch für Verliebte“ unsterblich machte, ist dann an diesem Töpferwochenende die Atmosphäre wie auf den mittelalterlichen Märkten. Mit der ganzen Palette der Töpferkunst: Von rustikalem Gebrauchsgeschirr bis zu filigranen Skulpturen und Vasen. Nähere und aktuelle Märkte mit Keramik-Kunst: Die Adventsmärkte in Berlin, u.a. auf dem Kollwitzplatz, auf denen Keramikschmuck und Töpferwaren als Weihnachtsgeschenke zu finden sind.

-al-, November 2016

Mehr zu Töpferei und Keramik auf: http://keramik-atlas.de