200 JAHRE FAHRRAD

Vom Laufrad zum Erfolgsmodell

200 Jahre Fahrrad – das Jubiläum fällt in eine Zeit des Fahrrad-Booms. Laufräder, Trekkingräder, Mountain-Bikes auf Geh- und Radwegen und auf Straßen. Und mittendrin Fahrrad-Händler, Fahrrad-Mechaniker und Zweirad-Tüftler. Ein Blick zurück aus der Fahrrad-Hochburg Prenzlauer Berg auf die Anfänge.

Auch, wenn die Anzahl der Fahrräder und Fahrrad-Mechaniker in Prenzlauer Berg es vermuten lässt, erfunden wurde das Fahrrad nicht im Stadtteil. Erfunden wurde das Fahrrad knapp 230 Kilometer südwestlich von Berlin – und aus einer Not heraus. Als Karl Drais 1817 seine Draisine erstmals in Mannheim in Gebrauch nahm, lag ein Katastrophenjahr hinter dem Land. Unwetter und Missernten, Hungersnöte und extreme Teuerungen führten auch zu massenhaftem Pferdesterben. Die Transportmittel fehlten. 

 

Sieben Kilometer in einer Stunde

Die erste offizielle Jungfernfahrt führte Drais unter großer medialer und öffentlicher Anteilnahme am 12. Juni 1817 auf eine rund sieben Kilometer lange Strecke. Ein Fahrrad war das 22 Kilogramm schwere Gefährt indes nur der Anmutung nach. Die Draisine - oder Laufmaschine - hatte keine Pedale, angetrieben wurde sie wie die heutigen Kinder-Laufräder mit den Beinen. Die Räder waren aus Holz. Erfinder Drais brauchte für die Fahrt eine knappe Stunde – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 15 Kilometern pro Stunde.

Zeitung Prenzlauer Berg Magazin
Wie alles begann: Das erste Fahrrad war vor 200 Jahren die Laufmaschine von Karl Drais. Foto: Fürstlich-Fürstenbergische Sammlungen, Donaueschingen/„2 Räder – 200 Jahre“, Technoseum Mannheim.

Genau 50 Jahre später erblickte auf der Pariser Weltausstellung ein neues Fahrrad das Licht der Öffentlichkeit. Velociped nannten die französischen Kutschenbauer Ernest und Pierre Michaux ihr Rad, das sich mittels einer am Vorderrad angebrachten Tretkurbel bewegen ließ. 1870 wurde aus dem Velociped das Hochrad. Das Fahren auf dem riesigen Vorderrad erforderte Geschicklichkeit und einen guten Gleichgewichtssinn. Das Hochrad war ein Luxusrad, das sich nur die Wohlhabenderen leisten konnten.

 

Kette, Hebelübersetzung, niedriger Sitz

Der wirkliche Durchbruch in der Fahrradentwicklung folgte einige Jahre später mit der Rückkehr zum Niederrad: zwei gleich große Räder, die den Schwerpunkt etwas weiter nach hinten verlagern, Antrieb mit Kette, Hebelübersetzung, die Sitzhöhe niedrig. Das Sicherheits-Niederrad – mit der Grundform des heutigen Fahrrads – erhielt 1885 sein Patent.

Die industrielle Serienproduktion und sinkende Preise machten das Fahrrad Ende des 19. Jahrhunderts zum alltäglichen Verkehrsmittel für alle – in Deutschland, Europa und den USA. Ob Industrie- oder Landarbeiter, Wirtschaftsunternehmer oder Postbote – alle fuhren fortan Fahrrad. Es gab Lastenräder und Kurierräder, auch die ersten Kinderräder. Der Radrennsport setzte ein. Die Formen wurden dynamischer, die Gangschaltungen ausgeklügelter.

Bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts blieb das Fahrrad in Deutschland Verkehrsmittel Nummer Eins. Dann verdrängte das Auto das Zweirad. Das Land wurde Auto-Land, das Fahrrad zum reinen Freizeitgefährt. Ab Mitte der 80er Jahre begann mit einem neuen Gesundheits- und Umweltbewusstsein das Umdenken. Immer mehr Menschen stiegen wieder aufs Rad – weniger aus Kosten-, denn aus Überzeugungsgründen. Oder, weil einfach die stundenlange Parkplatzsuche mit dem Auto nervte. 

Ein Trend setzte ein, der bis heute anhält. Die Werbe-Industrie entdeckte das Fahrrad als Symbol für Jugendlichkeit und Freiheit. Das Mountain-Bike begann von der Schweiz aus seinen Siegeszug. Die ersten Elektroräder kamen auf den Markt. Fahrradfahren wurde zum Lebensgefühl, mit Markenbewusstsein und Zweitrad, mit Radfernwegen und Bike-Hostels. Heute gibt es 80 Millionen Fahrräder in Deutschland.

Und Berlin? Setzt sich das ehrgeizige Ziel, Fahrradhauptstadt zu werden. Als vorbildliche Stadt mit Rad-Schnellstrecken, Fahrradstraßen und sicheren Radstreifen – kurzum, mit einem ausgereiften und sicheren Radwegenetz. Die Initiative Volksentscheid Fahrrad hat mit den Landespolitikern um ein entsprechendes Radgesetz gerungen – in Bälde soll es verabschiedet werden.

-red-, Juni 2017


Fahrrad-Spezialisten in Prenzlauer Berg

Individuelle Fahrradrahmen: Ostrad

Eckbert Schauer (52) gründete Ostrad 1992. 1993 wurde der Laden eröffnet. Als einer von 10 Rahmenbauern deutschlandweit baut Eckbert Schauer auch selber Rahmen zusammen: „Wir bauen nach alter Handwerkskunst Rahmen im klassischen Stil. Klassisch in dem Sinne, dass wir Stahlrahmen an die Körpergröße anpassen und klassische Muffen verwenden. Die Muffen werden mit den Rohren verlötet.“ 

Dazu gehören auch Reparaturen aller gemufften Stahlrahmen: Austausch von Rahmenrohren oder Ergänzung einzelner Bauteile.

Ostrad bietet alles rund ums Fahrrad. 

Ostrad, Winsstr. 48

Tel. 4434 1393, www.ostrad.de

Facebook: @ostrad.de

Italienische Rennräder: Cicli Berlinetta

Dustin Nordhus (47) eröffnete 2005 „Cicli Berlinetta. Der Kanadier strandete nach einer Fahrradtour durch Europa, die Türkei und Syrien in Berlin und war jahrelang Fahrradkurier. Die Idee hinter Cicli Berlinetta: Laden und Werkstatt für klassische italienische Rennräder. „Italienische Rennräder sind für mich einzigartig. Der Stil und vor allem die typische Farbgestaltung, der Mix aus Chrom und Farbe, machen die Räder so besonders“ so Dustin Nordhus. Daneben bietet Cicli Berlinetta auch Reparaturen für alle, also auch „normale“, Räder an.

Cicli Berlinetta, Schönfließer Str. 19, Tel. 9608 8323,

www.cicli-berlinetta.de

Facebook: Cicli Berlinetta

Fahrrad-Unikate: Radkraft

Markus Wolfsdorff (48) beschäftigt sich seit 1997 mit dem Bau von puristischen Fahrrädern nach Kundenwunsch. Custom Bicycles gebaut in Berlin. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Komponieren qualitativ hochwertiger Teile um Fahrradfahrern ein Höchstmaß an Langlebigkeit und Fahrspaß zu ermöglichen: „Wer möchte legt seine Phantasie in unsere Hände, ob Einsteiger oder Sportler und egal welcher Typ Fahrrad bevorzugt wird. Es geht darum im Prozess das passende Unikat zu entwickeln“ bevor er schmunzelnd verschwindet fügt er hinzu „eben nur das Wesentliche, von nichts zu viel, von nichts zu wenig.“

Radkraft, Schwedter Str. 268

Tel. 6712 5521, www.radkraft.de

Facebook: @radkraft.berlin