MOBILITÄT

Wir rollen elektrisch

Die Mobilität beschäftigt uns derzeit in vollem Maße: Durch den Dieselskandal, durch Tempolimit-Diskussionen oder die Fahrradhelm-Kampagne des Bundesverkehrsministeriums. Und dann streikt auch noch die BVG und wirft uns auf uns selbst zurück. Dabei waren die mobilen Möglichkeiten nie so groß wie jetzt. Ein Update.

 

Wer in Berlin lebt, braucht eigentlich kein eigenes Auto. Das stimmt. Und stimmt manchmal auch nicht. Dann, wenn es mit dem Fahrrad raus ins Grüne gehen soll und die Regionalbahnen hoffnungslos überfüllt sind, sodass auch Menschen mit Kinderwagen nicht mehr in die Züge kommen. Oder dann, wenn ein neues Möbelstück aus dem Laden mitgenommen werden soll – und der Transport des Anbieters einfach zu teuer ist und zu lange dauert. Oder eben dann, wenn die BVG streikt. Dann sind die Straßen voll, die Radwege und die Bürgersteige auch. Die individuelle Mobilität nimmt den Raum auf allen verfügbaren Wegen ein.

 

DIE GETEILTE MOBILITÄT

Wer in Berlin lebt, teilt gern sein Auto. CarSharing ist seit vielen Jahren ein Trend, der nicht nachlässt. Im Gegenteil: er wächst: Aus Kosten-, Platz- und Klimagründen steigen immer mehr Menschen aufs Auto bei Bedarf zurück. Rund 2,5 Millionen CarSharer zählt der Bundesverband CarSharing, etwas mehr als 20.000 geteilte Fahrzeuge deutschlandweit. Professionelle AnbieterInnen freuen sich über die Wachstumsraten. Denn sie verzeichnen 2019 eine Steigerung von mehr als 16 Prozent teilenden FahrerInnen gegenüber dem Vorjahr. 

Berlin steht in Sachen CarSharing-Angebot an zwölfter Stelle – Karlsruhe, Freiburg oder Stuttgart haben eine größere Flotte an Teilfahrzeugen. Dafür hat die Hauptstadt zahlreiche weitere Formate der geteilten Mobilität. Immer öfter teilen sich auch Nachbarn oder Kieze ein oder mehrere Fahrzeuge – auf digitalen Plattformen oder über WhatsApp-Gruppen oder einfach auf analogen Zuruf. Zumindest beim CarSharing hat sich Elektromobilität weitgehend durchgesetzt.

Carsharing Berlin Prenzlauer Berg
Geteilte Mobilität: CarSharing von Elektrofahrzeugen. Jetzt steht ein neues Sharing-Angebot in den Startlöchern: Die Elektroroller. Foto: pixabay

Und auch in Sachen Alltags-Mobilität teilt Berlin gern: Lastenräder oder Pedelecs rollen als saubere Variante durch die Straßen. Zahlreiche professionelle Anbieter, Umweltverbände und Nachbarschaftsinitiativen bieten beispielsweise Lastenräder für den Einkauf oder den Kindertransport. Auf E-Bikes steigen längst nicht nur ältere Menschen, denn mit den schnittigen Modellen kommt jeder Mensch schneller und zügiger – und vor allem klimafreundlicher - durch die Rushour des Berlin-Verkehrs.

 

DIE ELEKTROSCOOTER KOMMEN

Und dann steht da noch ein neues Mobilitätsangebot in den Startlöchern: Tretroller bzw. Skateboards mit Elektromotor. Eine entsprechende gesetzliche Verordnung auf deutschen Straßen soll in naher Zukunft in Kraft treten – heiß diskutiert und von professionellen Shared-Mobility-Dienstleistern sehnlichst erwartet. Das Teilen der Roller soll ähnlich funktionieren wie das Teilen von Leihfahrrädern bzw. E-Bikes: Die Elektro-Tretroller stehen am Wegesrand im öffentlichen Raum und können per App entsperrt und für ein geringes Entgelt benutzt werden – sofern man die passende App heruntergeladen und vorab ein wenig Geld aufgeladen hat. 

Wie schnell die ElektroScooter nach Inkrafttreten der Verordnung in deutschen Städten tatsächlich auf den Gehwegen stehen und genutzt werden, muss sich zeigen. Leih-Scooter könnten, so die Befürworter, ein weiteres Puzzlestück der Mobilitätswende werden. Das Potenzial haben die Fahrzeuge, die leicht und schnell sind. Auf einen Versuch käme es an. KritikerInnen hingegen befürchten auch für geteilte Roller ein ähnliches Chaos wie der Leihfahrräder: Die Bikes stehen wild abgestellt auf den Bürgersteigen, fallen um und versperren die Fußwege. Auch ordentlich geparkt, blockieren sie den wenigen öffentlichen Raum. Verdreckt, mit leeren Akkus, steigt auch niemand mehr drauf und fährt los. 

 

DAS DIGITALE TEILEN

Also: was könnte Berlin von anderen Städten lernen, die das erste Scooter-Hoch schon hinter sich haben? fragen Elektroroller-Befürworter und zählen zunächst No-Go-Szenarien aus San Francisco, Paris oder Brüssel auf: Genervte Anwohnende mussten mit Kinderwägen oder dem Rollstuhl um Scooter herum navigieren, die mitten auf den Gehwegen geparkt wurden. Fahrradständer wurden zur Leihroller-Abstellstation umfunktioniert und boten keinen Platz mehr für ihren eigentlichen Zweck. Das Gegenmittel: Regulierung durch Digitalisierung. Städte sollten Daten sammeln, wo wer wohin mit dem Elektroroller fährt – am besten in Echtzeit. So könnten Standorte genauer festgelegt und eine entsprechende Infrastruktur der Leihstationen aufgebaut und gepflegt werden. Aus den Daten ließen sich auch Rückschlüsse für eine Verkehrsplanung insgesamt schließen. Wie reiht sich Elektroroller-Fahren in die anderen Mobilitätsformen ein? 

Die City of Los Angeles beispielsweise reguliert Zonen, in denen Scooter abgestellt werden dürfen, über digitale Geodaten. Damit wird die Nutzung in Echtzeit ablesbar. Zudem befinden sich die Zonen vor allem in Bereichen, die bislang nicht oder schlecht an den städtischen ÖPNV angebunden sind – also weg von der Innenstadt hin zu Gebieten, deren BewohnerInnen bislang mobil benachteiligt sind. Einmal registriert, werden auch die aktuellen Zustände der Fahrzeuge in Echtzeit übermittelt. Ausleihen oder Aufladungen, vorübergehende Außerbetriebnahmen der Roller für technische Wartungen etc. werden auch zurück an die Stadt kommuniziert. So entsteht ein jederzeit aktuelles Bild über Flotte und Wege der Elektroroller – ein kleines Puzzle-Teil sauberer geteilter Mobilität.

-red-,  Mai 2019 


Carsharing Berlin Prenzlauer Berg
Carsharing Berlin Prenzlauer Berg