ANZEIGE: Bernd Vento

Was bleibt?

Zweifelsohne: Vom gemischten Prenzlauer Berg der 80er Jahre, der Arbeiter und der Künstler, ist heute nichts mehr zu spüren ... Oder vielleicht doch: und zwar in den vergilbten Zeitungen, die die Archive der Stadt bevölkern, in dieser oder jener DDR-Ausstellung und in den historischen Photographien, die man auf dem Flohmarkt für ein paar Euro als Heilmittel gegen die Ostalgie erwirbt. 

In dieser sehnsüchtigen Stimmung habe ich neuerdings eine Photographie aus 1987 gekauft: Im ausgeglichenen Schwarz-Weiß mündet die lange ruinenhafte Kopenhagener Straße in der Schönhauser Allee. Um dem Bild noch ein längeres Leben zu gewähren, habe ich mich auf den Weg zur Rahmenwerkstatt Art-Vento gemacht: Herr Vento wird sicher wissen, wie man solche Fenster der Vergangenheit verewigen kann. 

Jeder, der zum Kiez gehört, kennt diese alte Werkstatt in der Eberswalderstraße. Im Inneren habe ich schon oft die historischen Güsse bewundert, die in einer grossen Tischvitrine gehegt werden. Ich merke dieses Mal, dass das hässliche Baugerüst, das sich über Jahre vor der Fassade des Geschäftes festgenagelt hatte, endlich weg ist. Sobald ich Herrn Vento meine Freude darüber signalisiere, erzählt er mir, dass nicht nur das Gerüst verschwunden sei, sondern er ihm bald folgen werde. Der Grund dafür ist fast alltäglich: Irgendwann ist die Miete eines Lokals nicht mehr bezahlbar. Auf der Webpage dieses Geschäftes lesen wir: „Im Kiez, seit 30 Jahren“. 

Was wird denn wohl kommen? frage ich mich. Kenntucky Fried Chicken wird auf jeden Fall eine höhere Miete bezahlen oder H&M ... Aber  sind solche Geschäfte noch Ausdruck für den Kiez? Geht nicht dabei etwas verloren, wenn die altanssäsigen Geschäfte der späten 80er und der 90er Jahre verschwinden? Wir wissen doch: Unter dem sich uns aufdrängenden Zeitgeist entstehen nicht nur die unbedingt notwendigen Fahrradwege, sondern auch noch luxuriöse Gate Communities. Selbst den gemütlichen Cafés Manolo und Impala ist ein Garaus gemacht worden. Und bald wird auch Herr Vento mit seinen schönen Rahmen gehen; mit ihm verschwindet ein Stück dessen, was wir das Gewordene nennen: Es entzieht sich uns der geschichtliche Raum, den Menschen über Jahrzehnte mit ihrem Dasein und ihrer Arbeit menschlich und sozial prägen.

- Jimena A. Prieto -

Art Vento, Eberswalder Str. 29, Tel. 4422331, www.artvento.com